Migräne – der unsichtbare Kampf
Migräne – der unsichtbare Kampf

Migräne – der unsichtbare Kampf

 „Stell dich nicht so an“

Wenn du an Migräne denkst, was kommt dir in den Sinn? Vielleicht leichte Kopfschmerzen, die mit etwas Wasser und einer Tablette behoben werden können?

Die unsichtbaren Symptome der Migräne führen oft zu gesellschaftlichen Vorurteilen und mangelndem Verständnis. Sätze wie „Stell dich nicht so an“, „Trink mal ein bisschen Wasser“ oder „Geh mal an die frische Luft“ sind für Migränepatient:innen schmerzhaft vertraute Reaktionen. Denn viele Symptome sind nach außen hin nicht sichtbar. Besonders bei der chronischen Migräne bleibt Betroffenen oft nichts anderes übrig, als ihren Alltag so gut es geht aufrechtzuerhalten und dabei ungesehen zu bleiben. Für Millionen Betroffene weltweit ist es ein unsichtbarer, lähmender Begleiter, der das Leben massiv einschränkt.

Ein Bild in schwarzweiß mit zwei Händen, die frontal vor dem Körper gehalten werden. Person unerkennbar.
Foto von Stefano Pollio auf unsplash

Um die realen Ausmaße der Migräne zu verdeutlichen, möchte ich euch Sarah vorstellen. Sie ist 21 Jahre alt, lebt und studiert in Mainz. Auf den ersten Blick könnte man meinen, ihr Leben sei vollkommen normal, wie das jedes anderen Durchschnittsstudierenden in ihrem Alter auch. Doch der Schein trügt gewaltig; ihr Leben ist stark eingeschränkt, eine Realität, die Außenstehende kaum wahrnehmen.

Der Alltag mit Migräne

Sarah wacht morgens auf. Ihr Kopf fühlt sich an, als wäre er in Watte gepackt. Ein Gefühl, das sie nur zu gut kennt. Auf dem Weg zur Uni beginnt die Übelkeit sich breit zu machen. Das Licht im Zug ist zu grell, der Lärm unaushaltbar. Ihre rechte Gesichtshälfte fängt an zu kribbeln und die vielen verschiedenen Gerüche verschlimmern ihre Übelkeit. Ihr eigentlicher Lebensretter? Ihre Triptane, die sie speziell für die Migräne verschrieben bekommen hat. Normalerweise würde sie auf dem Weg zur Uni einen Cocktail aus drei Tabletten schlucken: ein Schmerzmittel, ein Triptan und etwas gegen die Übelkeit, in der Hoffnung, dass sie anschlagen. Doch in diesem Monat hat sie ihre Triptane bereits zehnmal genommen. Um medikamentinduzierte Kopfschmerzen zu vermeiden, darf sie keine weiteren mehr nehmen. Also greift sie nur zu einem Schmerzmittel, wohlwissend, dass es nicht wirken wird.

Mehrere Blisterverpackungen mit Tabletten und Kapseln in verschiedenen Farben, auf einem weißen Hintergrund.
Foto von Roberto Sorin auf unsplash

Während sie im Seminar sitzt, merkt sie, wie nun auch ihre rechte Kopfseite anfängt zu pulsieren. Ein anderer Schmerz als das pochende oder drückende Gefühl der letzten drei Tage. An Konzentration ist nicht zu denken. Sie sitzt ihre anderthalb Stunden ab und hofft, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Der Weg zurück verschwimmt im Nebel. Sie kann sich gar nicht mehr genau daran erinnern, wie sie es nach Hause geschafft hat. Dort angekommen will sie sich nur noch im Bett verkriechen. Alles muss stockdunkel und mucksmäuschenstill sein. Die zwei Kühlakkus auf ihrem Kopf, sollen den Schmerz betäuben und ihr Gehirn schockfrosten. Die Übelkeit zwingt sie dreimal zur Toilette.

Das Tanztraining am Nachmittag hat sie längst abgesagt, genauso wie das Treffen mit Freunden für den Abend. Doch ihre Freunde haben mal wieder kaum Verständnis: „Du sagst immer ab“, „Sicher, dass es keine Ausrede ist? Sag doch einfach, wenn du keine Lust hast!“ Sarah fühlt sich unverstanden und allein, während die Schmerzen immer stärker werden. Sie versucht zu schlafen, doch es dauert, bis sie endlich in den Schlaf findet. Als sie am Abend wach wird, fühlt sich ihr Körper und Kopf an, als wäre sie von einem Laster überfahren worden.

Doch die Schmerzen sind nur noch ein leichtes Pochen, die Übelkeit immer noch da. Sie kann nichts essen. Aber es sind Schmerzen, die für sie aushaltbar sind. In den Instagram-Storys ihrer Freunde, sieht sie, wie diese Spaß haben. Ohne sie, denn sie konnte mal wieder nicht dabei sein.

 

Eine unscharfe Aufnahme einer Person, die sich mit beiden Händen an den Kopf fasst.
Foto von Windah Limbai auf unsplash

Ihre Migräne, ein ständiger Begleiter im Alltag. Die Medikamente immer griffbereit, Auswege aus Situationen bereits verinnerlicht, ein Fluchtplan, der stets auf sie wartet. Nächste Woche wollte sie eigentlich zu einem Konzert, doch das letzte Mal musste sie abbrechen, weil sie noch vor Beginn eine Migräneattacke bekam. Sie ist sich unsicher, ob sie es dieses Mal überhaupt versuchen soll.

Am nächsten Morgen wacht sie auf. Ihr Kopf fühlt sich wieder wie in Watte gepackt an. Der Nacken und Kiefer schmerzen. Sie weiß, was heute erneut auf sie zukommt.

Für Sarah ist es die Stille vor dem nächsten Sturm, ein ewiger Kreislauf aus Erschöpfung und Angst, bei dem das Ende der Attacke untrennbar mit dem Beginn der nächsten verbunden ist.