Im Alltag durch die Stadt… Wer kennt es nicht?
Im Gespräch, mit unseren Gedanken woanders, begegnen wir immer wieder Situationen, in denen Menschen neben uns unsichtbar werden. Ein wohnsitzloser Mensch sitzt am Rand des Gehwegs. Wir sehen ihn im Augenwinkel, vielleicht hören wir seine Worte. Und doch passiert es: Wir gehen weiter. Nicht aus Bosheit, oft nicht einmal bewusst. Der wohnsitzlose Mensch wird unsichtbar.
Unsichtbarkeit entsteht nicht spontan. Sie sammelt sich durch Gewöhnung, Überforderung mit der eigenen Situation, gesellschaftliche Normen und die Dynamik des Aufenthaltsortes. Werbetafeln, Schaufenster, die Hektik und Lautstärke der Stadt strapazieren unsere Aufmerksamkeit. Sichtbarkeit folgt oft sozialen Codes: Wer „beschäftigt“, „geordnet“ und „zugehörig“ wirkt, wird leicht wahrgenommen. Wer aus unserer Aufmerksamkeit fällt, wird unbewusst ausgeblendet.
Die Folgen des Übersehens
Existieren für uns und für die Menschen, an denen wir vorbeigehen. Für Menschen auf der Straße bedeutet Unsichtbarkeit oft ein Gefühl der Entwertung: nicht gesehen zu werden, nicht angesprochen zu werden, nicht als Teil des Alltags anderer Menschen zu existieren. Es fühlt sich an, als würde die eigene Existenz an Bedeutung verlieren. Wir stumpfen ab, wenn wir uns an das Wegsehen gewöhnen. Wir verlieren ein Stück Empathie, ein Stück Aufmerksamkeit für die kleinen Signale des Menschlichen im Alltag.
Die Stadtgestaltung
Verstärkt dieses Unsichtbarwerden: Sitzflächen, die keinen Aufenthalt erlauben, verschlossene öffentliche Räume, fehlende Toiletten, aggressive Architektur, die soziale Not auszublenden versucht, statt ihr Raum zu geben. Stadtbilder, die auf Effizienz ausgerichtet sind, geben jenen am wenigsten Platz, die am dringendsten welchen bräuchten.
Wir können gegensteuern, nicht durch Perfektion, sondern durch bewusste, kleine Schritte. Momente der Aufmerksamkeit sind Impulse der Sichtbarkeit, Gegenimpulse, um die Unsichtbarkeit zu durchbrechen: ein Blickkontakt, ein freundliches Wort, ein kurzes Innehalten. Auch wenn wir nicht immer etwas geben können, geben wir doch etwas Wesentliches, wenn wir Menschen nicht unsichtbar machen.

Kleine Dinge
Die wir uns angewöhnen können, die leicht im Alltag umsetzbar sind:
– einen Kaffee oder eine Kleinigkeit mehr kaufen, wenn wir ohnehin unterwegs sind
– ein kleines Set im Rucksack haben: Wasser, Müsliriegel, Hygieneartikel, im Winter Handschuhe oder Socken
– sich informieren, wo Hilfsangebote zu finden sind: Tafel, Bahnhofsmission, Kältebus, Notunterkünfte. Schon ein kurzer Hinweis kann jemandem helfen, den nächsten Schritt zu finden.
Es geht nicht darum, jeden Tag etwas Großes zu tun.
Es geht darum, die Momente zu erkennen, in denen wir entscheiden können: Bleibt dieser Mensch ein unsichtbarer Schatten am Rand oder wird er eine Person, die wir als sichtbaren Teil unserer gemeinsamen Stadt wahrnehmen? Denn jedes Mal, wenn wir uns für Menschlichkeit entscheiden, entsteht ein Stück Sichtbarkeit, für andere und auch für uns selbst.