
Hast du schon mal erlebt, dass das Wort, welches du neu gelernt hast, auf einmal überall vorkommt? Oder dass ausgerechnet an dem Tag, an dem du es besonders eilig hast, sich plötzlich alle Menschen um dich herum, als miserable Autofahrer*innen entpuppen?
Was sich hinter solchen Momenten verbirgt, ist nicht das Unglück, am dem Tag, an dem besonders viele schlechte Autofahrer:innen unterwegs sind, aus dem Haus gegangen zu sein, sondern es handelt sich um eine kognitive Verzerrung unserer Wahrnehmung.
Was und wie wir etwas wahrnehmen, wird stärker von unseren bisherigen Erfahrungen bestimmt, als uns lieb ist. In diesem Blog sprechen wir darüber, wie sich durch unsere subjektive Lebensrealität eine Wirklichkeit aufbaut, die gar nicht so „wirklich“ zu sein vermag, wie wir annehmen. Zudem führe ich aus, welche Bedeutung die Erkenntnis der Wahrnehmungsbegrenzung hat und wie durch Aufklärung und Sensibilisierung diese Lücke geschlossen werden kann.

DIE SUBJEKTIVE WAHRNEHMUNG DER WIRKLICHKEIT
Laut der „Yellow-Car-Theorie“ oder dem „Baader-Meinhof-Phänomen“ nehmen wir Dinge, die wir neu erlernt haben oder auf die unser Fokus liegt, auch stärker im Alltag wahr. Eine frisch verknüpfte Information wird von unserem Gehirn häufiger registriert, genauer gesagt nimmt das Gehirn sie (noch) nicht als irrelevante Information wahr. Denn der Großteil aller unserer Handlungen und Entscheidungen geschieht unbewusst.
Die Prozentangaben in Artikeln und Co. variieren dabei zwischen 90 und 99 %. Klar dabei ist, dass die unbewussten Abläufe schneller und energiesparender umgesetzt werden. Das hat den Vorteil, dass unser Gehirn nicht die enorme Menge an Energie für alltägliche Abläufe verbraucht, die es für andere Entscheidungen benötigt. Positive Erfahrungen nutzt unser Gehirn zum Beispiel, um in ähnlichen Situationen dieselben Handlungsmuster anzuwenden, ohne eine neue aufwendige Situationseinschätzung vornehmen zu müssen. Bei negativen Erfahrungen vermeidet es Handlungen, die zuvor zu Misserfolgen führten. Es birgt aber auch die Gefahr, Aspekte oder Details, die nicht mit der eigenen Lebensrealität übereinstimmen, zu übersehen. Nicht selten führt das auch dazu, dass Menschen in sozialer Not unerkannt bleiben. Jede Wahrnehmung beruht auf einer subjektiven Interpretation, die im zeitlichen, räumlichen und sozialen Kontext eingebettet ist.

UMSTÄNDE UND URSACHEN, DIE VERBORGEN BLEIBEN
Oft merken wir nicht, wie schnell wir ein Urteil über Menschen, ihr Verhalten oder eine bestimmte Situation fällen. Ich habe oft erlebt, dass Personen mir im Laufe der Freundschaft offenbart haben, mich anfangs als desinteressiert und arrogant wahrgenommen zu haben. Dabei lag die Ursache meines Zurückziehens vielmehr in der inneren Unsicherheit, die ich verspürte, und nicht darin, dass ich mich als etwas Besseres fühlte.
So oder so ähnlich übersehen wir häufig die tatsächlichen Ursachen, die hinter dem Verhalten der Menschen um uns herum liegen. Menschen, die unter einer starken Depression leiden, scheinen nach außen faul, unordentlich und ungepflegt zu sein. Verborgen bleibt jedoch jede einzelne Überwindung, die sie aufnehmen müssen, um im Lebensalltag „funktionieren“ zu können. Manche Kinder und Jugendliche, die auf einem Ferienlager als besonders aufdringlich und aggressiv wahrgenommen werden, kämpfen daheim darum, gesehen und ernstgenommen zu werden. Verhaltensweisen, die aufgrund vergangener Erlebnisse, in Form von Anpassungsmechanismen übernommen wurden, nehmen somit auch Einfluss auf neue Situationen. Beispiele dafür gibt es etliche. Einigen davon behandeln wir in den anderen Blogs unserer Website (Themen wie: physische/psychische Krankheiten, Frauen etc.).
Es ist mir wichtig zu erwähnen, dass nicht hinter jedem Verhalten eine solche oder ähnliche Lebenslage stecken muss, aber man muss sich bewusst sein, dass es immer der Fall sein kann. Das Ziel ist es, Ursachen zu verstehen, ohne dabei schlechte Verhaltenseigenschaften zu entschuldigen oder vorschnell zu verurteilen. Besonders in der Sozialen Arbeit ist es von Bedeutung, wie wir mit solchen Situationen umgehen und auf solches Verhalten reagieren.

SICHTBARKEIT DURCH AUSEINANDERSETZUNG & AUFKLÄRUNG
Befindet sich eine Person in einer Panikattacke oder ist betroffen von häuslicher Gewalt, nehmen es Menschen häufiger wahr, die selbst oder in ihrem Umfeld Erfahrungen damit gemacht haben. Wer nicht erfährt, der nimmt nicht wahr. Doch mit „erfahren“ ist nicht gemeint, dass es der Person widerfahren muss. Das Sich-Informieren und Sich-Auseinandersetzen reicht aus, um Menschen und ihre soziale Not besser wahrzunehmen. Objektivität entsteht durch den Austausch der Erfahrungsräume mithilfe von Kommunikation, Aufklärung und Sensibilisierung. Je häufiger wir in unserem Alltag mit Informationen konfrontiert werden, (durch Aufklärungsvideos oder Kampagnen), desto wahrscheinlicher nehmen wir mögliche soziale Notlagen wahr. Das verbessert die gesellschaftliche Zivilcourage und wirkt Ausschlussprozessen entgegen.
~ Viktoria Siegwardt
Mehr zum Thema Wahrnehmung/-verzerrung:
https://gedankenwelt.de/soziale-wahrnehmung-die-komplexe-kunst-rueckschluesse-auf-andere-zu-ziehen/
https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialer_Konstruktivismus