Woran erkenne ich geschlechtsspezifische Ungleichheit in unserer Gesellschaft? Urteile wie „Ihr Rock ist zu kurz!“ zeigen das mehr als deutlich!
Feminismus – was ist das, und warum brauchen wir ihn noch?
Frauen sprechen anderen Frauen ihre Erfahrungen ab, Männer schenken Betroffenen oft keinen Glauben, weil sie es selbst nicht miterlebt haben. Solche Situationen sind für viele immer noch Alltag. Unsere Gesellschaft hat sich vermeintlich weiterentwickelt: Frauen dürfen wählen, arbeiten, ein eigenes Konto führen und vieles mehr. Nichtsdestotrotz meinen manche, die Frauenbewegung sei überflüssig. Ich zeige euch, warum Feminismus auch 2026 relevant bleibt.
Rechte, die Frauen erkämpft haben
Noch bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn es „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Am 19. Januar 1919 erhielten Frauen das aktive und passive Wahlrecht in Deutschland – sie konnten wählen und gewählt werden. 1933 verloren sie das passive Wahlrecht wieder bis zum Fall des Dritten Reichs 1945.
Mein Alltag als Cis-Frau
Ich habe eine klare Meinung dazu und bin täglich damit konfrontiert. Als Cis-Frau in einem demokratischen Staat im Jahr 2026 erlebe ich trotz Privilegien (Weißsein, Heterosexualität) strukturelle Diskriminierung. Ich berichte aus meiner Perspektive: Wie oft wäge ich ab, ob ich den kurzen Rock tragen soll? Ich entscheide mich dafür, weil ich mich darin wohlfühle – und komme trotzdem verängstigt, enttäuscht und angeekelt nach Hause. Warum? Weil Anpfeifen, Anstarren, Verfolgen oder Beleidigen Realität sind. Weil andere urteilen: Mein Rock ist zu kurz! Dabei sollte jede Frau das Recht haben, sich so zu kleiden, wie sie will – sei es ein Bikini oder ein Schleier. Die wahre Unterdrückung liegt im Zwang.
Für wen ist Feminismus relevant?
Sollte ich mich damit auseinandersetzen, nur wenn ich selbst betroffen bin – durch Geschlecht, Sexualität oder Ethnie? Ich sage: Wir alle leben in dieser Gesellschaft und sind betroffen. Auch Männer leiden unter patriarchalen Strukturen – ein Thema, über das mehr gesprochen werden sollte. Heute mache ich die Unsichtbarkeit von Frauen sichtbar. Jens van Tricht zeigt in „Warum Feminismus gut für Männer ist“, wie toxische Männlichkeitsideale Männern schaden.
Ich möchte euch heute spezifisch auf zwei Phänomene in unserer Gesellschaft aufmerksam machen, mit denen ich selbst vorher nicht so vertraut war. Da es schon viele gute Beiträge dazu gibt, gehe ich nicht zu sehr in die Tiefe, hoffe aber, dass ich euch motiviere, den einen oder anderen Artikel anzuschauen – und wir so gemeinsam das Thema sichtbarer machen.
Gender Bias in der Medizin
Gender Bias beschreibt strukturelle Verzerrungen, die in medizinischer Forschung und Versorgung aufgrund von Geschlecht entstehen. Diese zeigen sich etwa in der Bewertung von Symptomen, der Gestaltung diagnostischer Verfahren oder der Auswertung von Studien.
Ein Beispiel ist die jahrzehntelange Herzinfarktdiagnostik. Typische Symptome wurden an männlichen Probanden definiert. Dass Frauen häufiger über Übelkeit, Kurzatmigkeit oder Schmerzen im oberen Rücken berichten, wurde lange nicht systematisch erfasst. Solche Symptome gelten noch heute als „atypisch“, obwohl sie bei Frauen sehr häufig auftreten.
Links zum Podcast von Dr. Christine Lohr, Bewegtes Leben, zum Thema Gender Bias in der Medizin:
Teil 1: Strukturelle Verzerrungen, wenig Frauen in Studien, falsche Diagnosen (z. B. Herzinfarkt-Symptome)
Teil 2: Fortschritte, Politik, Lösungen
Matilda-Effekt
Dieses Phänomen macht wissenschaftliche Errungenschaften von Frauen unsichtbar – sie werden bekannten Männern zugeschrieben und beeinflussen die Wissenschaftsszene bis heute.
Ein bekanntes Beispiel: „Im Jahr 1945 erhielt Otto Hahn für die Entdeckung der Kernspaltung den Nobelpreis für Chemie. Seine Kollegin, Physikerin Lise Meitner, erhielt nichts – obwohl ihr Wissen und ihre Arbeit unabdingbar waren. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen erlitten dasselbe Schicksal: Ihre Errungenschaften wurden vergessen, ausgeklammert oder ignoriert. Diese systematische Diskriminierung hat einen Namen: Matilda-Effekt (Lamm, 2023).
Schau dir doch auch unseren Beitrag „Sei wachsam“ an. 🙂 <3
Literaturverzeichnis
- Lamm, L. (2023, 10. Februar). Der Matilda-Effekt: Wie Frauen in der Wissenschaft unsichtbar werden. National Geographic. https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2023/02/der-matilda-effekt-wie-frauen-in-der-wissenschaft-unsichtbar-werden/
- van Tricht, J. (o. J.). Warum Feminismus gut für Männer ist. Aufbau Verlag. https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/warum-feminismus-gut-fur-manner-ist/978-3-96289-055-1

