Was fehlende Sichtbarkeit für Betroffene bedeutet?
Heutzutage wissen die meisten Menschen, dass nicht jede Krankheit sichtbar ist. Kampagnen und Aktionen zur psychischen Gesundheit haben dazu beigetragen, das öffentliche Bewusstsein dafür zu stärken. Diese Aufmerksamkeit ist wichtig und schon lange überfällig. Gleichzeitig wird in solchen Zusammenhängen häufig mit Vergleichen gearbeitet, die oft ungewollt zu einer neuen Gegenüberstellung führen: sichtbar körperliche vs. unsichtbare psychische Erkrankungen. Was dabei leicht übersehen wird, sind unsichtbare physische Erkrankungen. Chronische Erschöpfung, Autoimmunerkrankungen, chronische Schmerzen, neurologische Störungen (wie Migräne oder Epilepsie) oder andere körperliche Leiden hinterlassen nicht immer äußere Spuren. Sie passen weder in das Bild der „sichtbaren körperlichen Krankheit“ noch in das der „unsichtbaren psychischen Erkrankung“. Dadurch verschwinden sie schnell aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung.

Wenn Krankheit zu einer Debatte wird
Für Betroffene führt diese Unsichtbarkeit oft zu einem ständigen Kampf um Anerkennung. Symptome müssen immer wieder erklärt, begründet und verteidigt werden, ganz so, als hätte man sich die Krankheit ausgesucht. Sätze wie „So schlimm kann es nicht sein, du siehst doch gut aus.“ oder „Stell dich nicht so an, das hat doch jeder mal.“ sind selten böse gemeint, treffen aber jedes Mal hart und sind verletzend. Sie stellen die eigenen Erfahrungen und Symptome infrage und machen so aus einer Krankheit eine Debatte.
Eine Debatte darüber, ob die Symptome wirklich existieren oder nur „Hirngespinste“, Übertreibungen oder Hypochondrie sind. Erschöpfung, Schmerzen oder Übelkeit werden vorschnell als „Stress“, „Überbelastung“ oder „rein psychisch“ eingeordnet, körperliche Erfahrungen entwertet. Die physischen Symptome werden von Außenstehenden psychologisiert.
Dabei steckt in dieser Argumentation ein grundlegender Widerspruch: Selbst wenn die Beschwerden psychisch bedingt wären, wären sie nicht weniger ernst. Denn nochmal: Eine psychische Erkrankung ist genauso belastend und behandlungsbedürftig, wie eine körperliche.

Leben im Dauer-Spagat
Anstatt also auf Mitgefühl und Hilfe zu stoßen, muss man sich immer wieder rechtfertigen. Solange, bis man irgendwann beginnt, sich selbst und seine Wahrnehmung zu hinterfragen. Solange, bis man beginnt, an sich zu zweifeln. Aus Angst vor der nächsten erzwungenen Rechtfertigung oder falschen Zuschreibung beginnt man, seine Symptome oder Diagnose zu verschweigen, und macht sich damit noch unsichtbarer.
Zudem ist da dieser Druck, trotzdem zu funktionieren. Ja, nicht aufzufallen oder eine Last zu sein. Über die eigenen Grenzen hinauszugehen, obwohl der Körper längst Stopp sagt. Nur damit man nicht als „faul“ oder „überempfindlich“ wahrgenommen wird. Das Leben ist oft ein ständiger Balanceakt zwischen Überforderung und Rechtfertigung.
Hinzu kommt die Scham. Die Blicke im Bus, wenn man jung aussieht und seinen Platz nicht älteren Personen oder Schwangeren anbietet, weil man es nicht kann. Die unausgesprochene Kritik, wenn man für eine Etage den Aufzug nimmt, obwohl man doch fit aussieht. Das Gefühl, sich für Dinge rechtfertigen zu müssen, die andere selbstverständlich dürfen, weil man ihnen ihren Bedarf direkt ansieht. Auch wenn Unsichtbarkeit Schutz vor Diskriminierung bieten kann, überwiegt in den meisten Momenten der soziale Druck.

Allein unter Menschen
Man ist von Menschen umgeben und fühlt sich doch allein und unverstanden. Gespräche drehen sich um Erlebnisse, die man selbst nicht (mehr) bewältigen kann. Der eigene Alltag ist so fern von der Realität der anderen. Sie geben sich Mühe, einen einzubeziehen, und doch werden die Einladungen seltener. Nicht, weil niemand da ist oder einen mag, sondern weil das eigene Leben nicht mehr zu dem Tempo der anderen passt. Und die Einladungen, die noch kommen, muss man oft kurzfristig absagen, weil der Körper mal wieder Stopp sagt. Langfristige Pläne sind schwierig, weil man oft nicht weiß, wie es einem in den nächsten zwei Stunden geht. Auch neue Kontakte zu knüpfen, ist schwer, wenn Aktivitäten immer wieder kurzfristig abgesagt oder frühzeitig beendet werden müssen. So zieht man sich immer mehr zurück, weil der Körper gerade nicht mehr kann oder aus Angst, eine Belastung für andere darzustellen.
Zudem können viele Außenstehende die unvorhersehbaren Schwankungen zwischen guten Phasen und starken Symptomen nicht nachvollziehen. Gute Tage wirken wie ein Beweis gegen die Krankheit, schlechte Tage wie Ausreden. Das führt häufig zu Konflikten im sozialen Umfeld, mit Kolleg*innen oder Vorgesetzten. Leistungsfähigkeit wird erwartet, Einschränkungen werden angezweifelt und die soziale Isolierung nimmt zu.

Notwendige Hilfe
Hilfe kommt selten von allein. Wer eine unsichtbare Erkrankung hat, muss aktiv darum bitten, bei Mitmenschen, Behörden und Ärzt*innen. Und selbst dann wird Unterstützung oft verwehrt, verzögert oder relativiert. Es entsteht das Gefühl, Hilfe erst „verdienen“ zu müssen, indem man ausreichend leidet, erklärt, überzeugt.